Erinnern an die Opfer der Pogromnacht

Bewegende Gedenkfeier in Selters

Manchmal fehlen für das Entsetzen die Worte. In Selters hat eine bewegende Gedenkfeier zur Pogromnacht in aller Stille an das erinnert, was vor 80 Jahren geschehen ist: Rote Kerzen brennen am Gedenkstein der Evangelischen Kirche am Marktplatz - 70 Lichter für die 70 Selterser jüdischen Glaubens, die vertrieben und ermordet wurden. Schweigend gedenken rund 80 Teilnehmer den jüdischen Opfern der NS-Diktatur. Die Schüler der 10. Klasse der Integrierten Gesamtschule Selters wählen indes einen besonders eindrückliche Weg, an das Geschehen zu erinnern: mit kurzen "Theaterstandbildern" und ganz persönlichen Worten.

"Wenn die Menschen damals nicht weggesehen hätten - wäre das alles überhaupt passiert?", fragt einer der Zehntklässler. Andere sprechen sich gegen Passivität und jede Art von Rassismus aus. Die ehrlichen Worte der Jugendlichen mahnen, dass Hass und Vorurteile auch nach 80 Jahren keineswegs ausgestanden sind.

Die Veranstalter, die evangelische und katholische Kirche sowie die Stadt Selters, geben dem Abend einen würdigen Rahmen. Sie hoffen, dass das Gedenken zu einer "Kultur der offenen Herzen und der Liebe statt des Hasses" führt, wie es Stadtbürgermeister Rolf Jung ausdrückt - und dass die Geschichte der Selterser Juden nicht in Vergessenheit gerät.

Daran sollen auch die Stolpersteine erinnern; jene Gedenksteine, die vor Häusern der NS-Opfer angebracht werden. In Selters ziehen die Besucher der Gedenkfeier schweigend zu zwei Gebäuden in der Rheinstraße, an denen die Steine künftig in den Boden eingelassen sind.

Der Abend endet auf dem Selterser Marktplatz. Dort spenden der evangelische Pfarrer Michael Schweitzer und der katholische Diakon Dieter Wittemann den Besuchern den Segen - auf hebräisch und auf deutsch. Ein Wunsch nach göttlichem Frieden, der zeitlos ist. (bon)

Fotos: Peter Bongard